Vom Chatbot zum Agenten: Die fünf Stufen der Selbstständigkeit
Chat, Workflow, Automation, KI-Workflow, Agent — wer entscheidet was? Die Landkarte, mit der du jedes Automatisierungsprojekt richtig einordnest.
Die entscheidende Frage: Wer entscheidet?
«Agent» ist zum Modewort geworden — dabei ist die Abgrenzung präzise: Es geht darum, wer den Ablauf bestimmt. Die fünf Stufen, sortiert nach wachsender Selbstständigkeit:
| Stufe | Wer entscheidet den Ablauf? | Beispiel |
|---|---|---|
| 1 · Chat | du, bei jeder Nachricht | Frage stellen, Antwort lesen |
| 2 · Regelbasierte Automation | fest verdrahtete Regeln | «Anhänge automatisch in Ordner X» |
| 3 · Workflow | ein Mensch, im Voraus, Schritt für Schritt | E-Mail → speichern → benachrichtigen |
| 4 · KI-gestützter Workflow | Mensch plant die Schritte, KI füllt einzelne aus | E-Mail → KI fasst zusammen → Notiz ablegen |
| 5 · Agent | die KI plant die Schritte selbst | «Recherchiere X und lege mir einen Bericht ab» |
Die wichtigste Berufsregel der Automatisierer: Nimm die niedrigste Stufe, die die Aufgabe löst. Jede Stufe darüber kauft Flexibilität mit Unvorhersehbarkeit — ein Workflow macht denselben Fehler jedes Mal (leicht zu finden), ein Agent macht jedes Mal andere (schwer zu finden).
Die Anatomie eines Agenten
Was macht Stufe 5 technisch aus? Die Agentenschleife:
Die Bausteine, die du dafür kombinierst (alle schon bekannt oder im Glossar):
- Ein Sprachmodell als Planer — bei uns lokal, über die API aus Kernmodul 4.
- Tools als Hände: Dateien lesen/schreiben, suchen, Nachrichten senden.
Der technische Mechanismus dahinter heisst Function Calling — das Modell antwortet nicht
mit Prosa, sondern mit einem strukturierten Werkzeugaufruf («rufe
datei_lesenmit Pfad X»), den die umgebende Software ausführt. Zunehmend standardisiert über MCP. - Ein Trigger als Startsignal, oft ein Webhook.
- Memory, damit der Agent über Durchläufe hinweg weiss, was er schon erledigt hat (die Grenzen kennst du aus KM5).
- Das Sicherheitsnetz: Human in the Loop, Not-Aus, Protokolle. In diesem Kurs Pflichtausstattung.
Multi-Agenten — und wann weniger mehr ist
Mehrere spezialisierte Agenten können zusammenarbeiten (einer recherchiert, einer schreibt, einer prüft). Das ist mächtig — und um Grössenordnungen schwerer zu beherrschen: Fehler pflanzen sich fort, Kosten und Laufzeiten vervielfachen sich. Kurshaltung: Erst einen einzelnen Agenten sauber beherrschen (Kernmodul 7), Multi-Agenten als bewusstes Vertiefungsthema — praktisch ausprobierbar in Labor 9.
Vertiefung: Warum niedrigere Stufen oft die klügere Wahl sind
Ein Beispiel durchgespielt: «Neue Rechnungen im Ordner sollen in eine Übersicht.» Als Agent formuliert («kümmere dich um meine Rechnungen») muss das Modell jedes Mal neu entscheiden — und kann jedes Mal anders abbiegen. Als KI-Workflow (Stufe 4) ist der Ablauf fest: neue Datei → KI extrahiert Betrag und Datum → Zeile in Tabelle. Die KI tut nur, was sie am besten kann (unstrukturierten Text verstehen), alles andere ist verlässliche Mechanik. Stufe 5 hebst du dir für Aufgaben auf, deren Weg wirklich unvorhersehbar ist.
Kurz geprüft
3 Fragen zum Festigen — Feedback kommt sofort.
Das kann ich jetzt
- Ich ordne jede Automatisierungsidee einer der fünf Stufen zu — und wähle die niedrigste ausreichende.
- Ich kenne die Agentenschleife (Planen → Handeln → Beobachten) und ihre Bausteine inklusive Function Calling und MCP.
- Ich kann begründen, warum Freigaben, Logs und Not-Aus zur Grundausstattung gehören.
Nächster Schritt: «Die Werkzeuglandschaft» — womit baut man das konkret?